7. Juni, C1 - C2

In zwei Gruppen steigen wir durch die Löw-Eisrinne in Richtung Lager 2 hinauf, die erste bricht bereits um 1.30 Uhr auf, um noch Verbesserungen an den Fixseilen in der Kinshofer-Wand vornehmen zu können. Die zweite Gruppe bricht eine gute Stunde später auf. Der harte Firn – zum Teil kommt bereits Blankeis zum Vorschein – lässt keinen Gedanken mehr an die Bedingungen aufkommen, die nur wenige Tage zuvor noch geherrscht hatten: Pulverschnee bis übers Knie! Selten zuvor erlebten wir, wie sich die Bedingungen so schnell verrändern können. Dennoch fällt der Aufstieg nicht unbedingt leichter, was zuvor die Oberschenkel leisten mussten, fällt nun der Wadenmuskulatur zu. 20 kg schwere Rucksäcke – Fixiermaterial, Zelte, Nahrungsmittel und Brennstoff sowie persönliche Ausrüstung - wollen bei 50 bis 55 Grad Neigung 1100 Höhenmeter hinauf bewegt werden. Die Kinshofer-Wand, ein ca. 150 Meter hoher Felsriegel mit einigen senkrechten Aufschwüngen, präsentiert sich im zunehmenden Tageslicht düster und unnahbar. Ein Spinnennetz aus altem Fixiermaterial weist den Weg über die Felsbarriere: Zum Teil hängen bis zu 10 alte Fixseile und 3 Alusprossenleitern parallel nebeneinander. Nachdem einiges alten Material entfernt worden und neues Fixseil installiert worden ist – all zu viel gibt es allerdings nicht mehr zu tun, Rainer hat mit seinen beiden High Porter beim letzten Vorstoß ganze Arbeit geleistet – kann die Hürde genommen werden.
Schwer ziehen die Rucksäcke nach hinten, am Ende der Felswand sind alle erschöpft, als wir vom Schatten in die Sonne des kleinen Schneegrates tauchen, auf dem Camp 2 auf 6070 Meter errichtet wird. Nach einer ausgiebigen Ruhepause müssen dann aber die Zeltplattformen in Angriff genommen werden. Rainer hat mit seinen Amical-Jungs bereits die erste Terrasse mit 5 Zelten verbaut. Wir errichten 4 weitere Zelte auf einer zweiten Terrasse. Zum Teil müssen wir tief in den Hang hinein graben, um die schmalen Hochgebirgszelte unter zu bekommen. Zu allem Überfluss beginnt es auch noch zu schneien. Nach einigen Stunden Schaufeln und Pickeln steht das Lager schließlich gut geschützt auf dem Grat. Zur Belohnung reißt das Wetter abends wieder auf und stimmt uns mit goldenem Licht und umwerfenden Tiefblick zuversichtlich auf den nächsten Tag ein.