Tagebuch
|
04. Juli, Einstieg Noch im Dunkeln verlassen wir unseren Lagerplatz und begeben uns auf den Aufstieg. Der gefrorene Schotter lässt sich wesentlich einfacher ersteigen als die Geröllfelder der letzten beiden Tage. Schon bald kommen wir an der Schneegrenze an und steigen das stetig steiler werdende Eisfeld höher. Die letzten hundertfünfzig Meter bis in die angestrebte Einsattelung sichern wir über sechzig Grad steiles Blankeis hinweg. Die Sonne lacht auf uns herab, die Kletterei ist interessant und erfüllt uns mit Vorfreude auf das, was noch kommen mag. Doch im Col angekommen, wartet die böse Überraschung: Die mehrere hundert Meter lange Querung auf der anderen Seite, die zum Erreichen des Serac-Balkons notwendig ist, den wir gewinnen müssen, um zur Gratschneide zu gelangen, ist komplett blank. In mühevoller Kletterei erreichen wir in einer zehn Seillängen andauernden Querung durch wiederum sechzig Grat steiles Blankeis und kombiniertes Gelände den Beginn des Seracs. Zu allem Überfluss zieht währenddessen auch noch das Wetter zu, so dass die Kletterei noch eintöniger wird. Den Eiswulst erklettern wir über eine steile Rampe, just in diesem Moment öffnen sich die Wolken und hüllen uns in rosarote Abendsonne. Ein Moment, der uns sämtlichen Ärger der letzten Stunden vergessen lässt. Auf dem Hängegletscher angekommen, schlagen wir sofort unser Nachtlager auf 5960 Metern Höhe auf, denn binnen Minuten nach Sonnenuntergang stürzt das Thermometer im Sturzflug in den Keller ab. Schneeschmelzen, Abendessen, Schlafengehen – die Routine wird so zügig wie möglich abgewickelt, da wir am nächsten Morgen (2.00 Uhr) wieder früh aufstehen müssen, um dem Faulschnee in den noch geringeren Höhen (um 6000 m) zu entgehen. |