02. Juli, Der Mazeno-Grat


Der Mazeno-Grat (engl. Mazeno Ridge), ein mehr als 10 Kilometer langer Schnee- und Felsgrat, trennt das Diamirtal auf seiner orografisch linken Seite vom Loiba- und Rupal-Tal und führt mit mehr als einem Dutzend Erhebungen über Siebentausend Metern – darunter acht eigenständige Gipfel –  in direkter Linie auf den Nanga Parbat zu. Versuche, diese markante Linie zu ersteigen, gab es bereits diverse in der Vergangenheit, darunter so bekannte Namen, wie Doug Scott Jean Troillet oder Woiteck Kurtyka. Am weitesten gelangten 2004 zwei US- Amerikaner – Doug Chabot und Steve Swenson. Sie stiegen vom Rupal-Tal auf einer Linie vor dem Mazeno- Pass zum Hauptkamm auf und verfolgten diesen erfolgreich bis zum Mazeno Col, wo sie wegen einer Atemwegserkrankung Swensons aufgeben und auf der klassischen Schell- Route ins Rupal-Tal absteigen mussten. Die von ihnen gewählte Linie bot technische Schwierigkeiten von VI, M4, AI 3 auf einer Höhe von über Siebentausend Metern über mehrere konsekutive Tage hinweg auf. Eine gewaltige Herausforderung.

Nachdem die letzten Einzelheiten in den Rucksäcken verstaut sind, wiegen diese jeweils ca. 28 kg. Mit Turnschuhen bewaffnet geht es gegen Mittag das Tal hinaus Richtung Kodagali, wo wir den Gletscher queren müssen, um den Fuß des Karó-Passes, 4900 m, zu erreichen. Dort müssen wir die Turnschuhe gegen unsere schweren Expeditionsbergschuhe eintauschen. Durch weglosen Schotter, um Eiswände herum queren wir den Diamir-Gletscher und versuchen danach die einhundert Meter hohe, steile Ufermoräne zu erklimmen. Dies artet letztendlich in extremer Sediment- Kletterei aus, womöglich gefährlicher als alles weitere, was uns am Mazeno-Grat erwarten wird. Auf dem Kamm erwartet uns eine Überraschung: Hinter der Moräne öffnet sich ein wunderbar grünes Längstal mit Flüsschen, Almwiesen und Wald, auf dem friedlich Ziegen und Kühe grasen. Nur kurz kann uns diese Idylle zur Pause verlocken, denn der Tag ist schon weit fortgeschritten und wir wollen noch möglichst weit den Pass hinaufkommen. Der steile Anstieg führt zunächst über Almwiesen, dann Krummholz in ein weites Kar hinauf. Dort verlieren sich alle Pfadspuren und man folgt weglos der Seitenmoräne des kleinen Gletschers. Kurz vor dem letzten Anstieg zur Passhöhe wird es zu spät und wir beschließen vor dem Pass in einem schönen Wiesenkessel zu lagern. An den Bachläufen blühen unzählige violette Mehlprimeln, weit und breit ist kein einziger Mensch in Sicht...